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Dolomiten Die wilden Routen
Campanile di Val Montanaia (2.173m) - der unlogischste Berg der Alpen
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Bild links: Die Gipfelglocke am Campanile di Val Montanaia. Wer oben ist, darf klingeln, manche erzählen davon, sich etwas
zu wünschen. So ungefähr wie bei den Sternschnuppen, sagen darf man es dann aber nicht.
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Viktor Wolf Edler von Glanvell, Jahrgang 1871 wurde nur 33 Jahre alt. Der bergbegeistere Glanvell, der schon im Alter von
16 Jahren eine Führer über die Pragser Dolomiten schrieb (erschienen 1890) stürzte am 7. Mai 1905, nicht einmal zwei Jahre nach der Erstbegehung des Campanile di Val Montanaia an der Fölzstein Ostwand
(Hochschwab/Steiermark) in den Tod. Sein Tod erregte damals großes Aufsehen, galt Glanvell doch - im Gegensatz zu vielen seiner Bergkollegen, die die Todessehnsucht geradezu inhaliert zu haben schienen -
als äußerst vorsichter Bergsteiger. Gemsen sollen den Steinschlag, der zu dem tödlichen Unfall führte ausgelöst haben. Er hinterlies seine Frau und die erst wenige Wochen alte Tochter Irmingard (geboren
am 22. März 1905).
Aber auch Günther von Saar erging es nicht viel besser, er starb im Jahre 1918 an Erschöpfung in Kriegsgefangenschaft. Doch
während der eloquente Glanvell seine Spuren hinterlassen hat, findest sich von Günther von Saar kaum eine Spur und dies obwohl er mit seiner Traverse oberhalb des Cozzi Risses die Erstbegehung des
Campanile erst möglich gemacht hatte. So ungerecht kann Geschichte nun einmal sein.
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Bild links: Nett gemacht: Eine Kassette aus Edelstahl beherbergt das Wandbuch, in das sich die Begeher eintragen können.
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Bild rechts: Die Croda Cimoliana, über dessen markante Rißreihe in Bildmitte eine nicht allzu häufig begangene Route im
fünften Grad führt. Doch Vorsicht: Fünfter Grad ist nicht fünfter Grad im Sportklettergarten und der Abstieg soll vertrackt schwierig zu finden sein...
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Ganz war damit allerdings die Besteigungsgeschichte des Campanile noch nicht abgeschlossen.
Vier wagemutige Männer und eine Frau griffen den Campanile im Oktober 1913 von seiner abweisenden Nordseite
her an: der Wiener Ingenieur Dr.Otto Bleier und Führer Franz Schroffenegger aus Tiers; Umberto,Paolo und Luisa Fanton aus Calalzo – die maßgeblichen Erschließer der Region. Die Fantons unterhielten
in Calalzo ein Hotel,das über Jahrzehnte hinweg beliebter Treffpunkt von Bergsteigern aus aller Welt war, sogar der belgische König Albert 1. und sein Sohn Leopold waren hier schon abgestiegen. Neben
einer gut sortierten alpinen Bücherei verfügte das Albergo Marmarole sogar über ein Fotolabor und war so ganz nebenbei eine erstklassige alpine Informationsbörse.
Die Fantons galten als ambitionierte Bergsteiger und Franz Schroffenegger war einer der besten
Dolomitenkletterer jener Zeit. Als überzeugte Patrioten waren die Fantons zum Schluss gekommen, dass der Campanile endlich eine „italienische“ Aufstiegsroute haben musste, und die suchten sie an
der überhängenden Nordwand des Campanile di Val Montania. Vom 4. Bis 10. Oktober kämpfte die verschworene Gemeinschaft verbissen um jeden Meter Fels am Nordüberhang, ein Ereignis das durch Otto Bleier in
der AZ (Nr.923 v.5.11.1915) eine köstliche Schilderung gefunden hat. Nach zunächst leichtem Beginn versuchten sie mit dreifachem Steigbaum einen Horizontalriss zu gewinnen, der es erlaubte Felshaken zu
setzen. .
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Abwechselnd kämpften sie sich, nachdem sie einen Seilquergang installiert hatten, Meter um Meter vor,bis
zuletzt selbst der hartnäckige Schroffenegger am Ende einer Zehn-Meter-Rechtsquerung erschöpft aufgab. Insgesamt hatten sie fünf Haken geschlagen und waren nicht einmal 15 Meter weit gekommen. Bald
avancierte der Nordüberhang zum größten Problem der Dolomiten, zumindest in der Alpinpresse. Otto Bleier schrieb, es sei der „wahnsinnigste und erbittertste Ansturm“ gewesen, der jemals gegen eine
Felswand ausgeführt worden sei. Die Akteure hatten sich beim „Fexentum“ ertappt – Ausbouldern – würde man heute sagen. Das Sportklettern war geboren worden, ohne dass es die Bergsteiger
als solches wahr nahmen. Im folgenden Jahr (1914) kam der Krieg und beendete alle Aktivitäten am Berg.
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Bild links: Uwe beim Läuten der Gipfelglocke. Die Glocke wurde im September 1926 durch sage und schreibe 22 venezianische
Bergsteiger auf den Gipfel gebracht.
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Aber nicht nur Heldentaten verzeichnete der Berg, sondern alle Facetten der menschlichen Seele - Eitelkeiten - Lügen und
vieles mehr. Die Geschichte: Etwa um 1925 behauptete der Vicentiner Sverino Casara, immerhin ein Seilgefährte Emilio Comicis, den berüchtigten Nordüberhang alleine erklettert zu haben. Augenzeugen gab
es keine und bald kamen Zweifel an Casaras Schilderungen auf, die allesamt ziemlich vage blieben. So machten sich am 14. September 1930 die berühmten Führer Attilo Tissi, Giovanni Andrich, Attilo
Zancristoforo und Francesco Zanetti auf, den Nordüberhang zu meistern. Allesamt Kletterer der ersten Garde, hatten Tissi und Andrich doch nur zwei Wochen zuvor - am 31. August 1930 als erste italienische
Seilschaft die Solleder Route an der Civetta Nordwestwand geklettert - für damalige Verhältnisse sensationell an nur einem Tag. Tissi machte sich an den Nordüberhang, zunächst genau wie die sein
Vorgänger Schroffenegger. Er überkletterte die heikle Stelle, die seine Vorgänger abgewiesen hatte - doch die von Casara erwähnten Haken fand er nicht, es liesen sich keine Haken an dieser Stelle
anbringen.
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Bild links: Blick vom Gipfel des Campanile di Val Montanaia auf das Bivacco Giuliano Perugini, welches in 2060m Höhe
unmittelbar hinter dem Turm steht. Für mögliche Gäste sei noch erwähnt: Es gibt kein Wasser in der Nähe. Entweder Schnee schmelzen oder den beschwerlichen Weg hochtragen!
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