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        by Jürgen Kremer

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 Die Routen für den Könner

Die “Hasse-Brandler” an der Großen Zinne (Drei Zinnen)

Auch nicht mehr zu erkennen: Ich habe Stand nach der zweiten schweren Dachseillänge. Ernst schleppt noch den Rucksack und hatte schon in der ersten Dachlänge extreme Probleme, auch mit Hakenhilfe. Ich möchte auch nicht in seiner Lage sein, der Rucksack ist voll, Schuhe, Biwaksäcke, Klamotten für zwei Personen. In der Wandkletterei unten kann er das durch sein unwahrscheinlich gutes “Stehvermögen” fast traumwandlerisch wettmachen, hier oben zerren die Schwerkräfte an ihm. Ich lasse an den schwierigsten Stellen Griffschlingen und - hier sichtbar direkt an der Kante baumelnd - meine Leiter hängen. Ohne Rucksack mit allen - in einer Alpenwand möglichen Freiheit, kann ich die Tour schließlich in den für mich “definierten “ Grad 7+a0 klettern!

Auch hier - man sieht ähnlich wie vorher: nichts! Das Seil schlängelt sich irgendwo weg, Wetter scheint zu halten, ist da nicht noch blauer Himmel? Letzte Überhang-Seillänge, daß muß gefeiert werden, hat irgend wer ein Bier hier oder einen Kiosk hier montiert? Fehlanzeige, wir finden das Wandbuch, tragen uns kurz ein. BegehungNr. 304 oder 305 - das sind wir!

Blick nach rechts, in die Nordwand und auf die Comici-Führe. Auf dem Dia, hier leider nicht zu erkennen, sind doch noch zwei, die ebenfalls bei diesem ungewissen Wetter eingestiegen sind. Im oberen Bildteil befindet sich das Italienerbiwak, Wandmitte. Wir beobachten, wie sie sich von dort wieder ans Abseilen machen, auch eine etwas gewagte Aktion. Warum seilen die ab, denke ich mir, trauen sie dem Wetter nicht? Eigentlich ist es mir egal als ich einen Zahn zulege und weitersteige. Abseilen geht bei uns eh nicht, also warum daran auch nur einen Gedanken verschwenden! Wir müssen jetzt weiter, runter geht es nicht mehr.

Blick in die vorletzte der extremen Überhangseillängen. Auf den Bildern ist meist wenig zu erkennen, nach 5mn ist der Kletterer aus der Sicht, man sieht irgendwelche Steine, auch hier gilt: Bildschirm an der Decke, hinter dem Kopf monieren! Einziger Vorteil: Man kann das Wetter beobachten. Das könnte doch noch halten!

Am Ende der großen Verschneidung, noch 7 Seillängen bis zum Ringband. Und die sind nicht eigentlich leicht, aber trotzdem, da hoffe ich gar hochzukommen, dennoch, so überlege ich, es wird mir wohl auch nicht viel anderes übrig bleiben, das Dach hängt etwa 50m über, runter ist da nicht mehr. Goedeke schreibt: Eine Bergung aus der großen Verschneidung scheint wegen der Überhänge kaum möglich! Aber das wollen wir ja auch nicht, das Wetter sieht aus, als könnte es noch ein paar Stunden halten, bis zum Ringband sind es noch 7 Seillängen, dann ist das Ding gegessen.

Geht schon deshalb nicht, weil ich gerade mal wieder einen Blick nach unten riskiere. Ich spule die nächsten Seillängen ab, bin nun öfters bereit, mal einen Haken mitzunehmen, wenn es nur der Geschwindigkeit dient. 3 Seillängen vor dem Gipfel beginnt es deutlich an zu regnen. Daher auch keine Bilder mehr, wir hatten zu viel mit uns zu tun. Einige unangenehme Risse und Kamine, die auch schon naß sind, bringen uns dem Band näher. Wenn wir das Band erreicht haben, kann das Wetter sein, wie es will, aber wir müssen da rauf! Die vorletzte Seillänge bringt mir eine unangenehme Unterhaltung mit Ernst. Die 4er und 5er Wandkletterei im Regen erlebt mich in maximal 5 Minuten. Als er nachkommt, auch schon naß, meint er nur etwas ätzend: “Wenn nur zwei Haken auf die Seillänge sind, hänge bitte alle beide auch ein!” (Ich hatte in der Eile einen übersehen). Ok, die letzte Seillänge lasse ich etwas vorsichtiger angehen, weiß ich doch, auch bei strömenden Regen komme ich auf das Ringband, und da runter kommen wir auf jeden Fall, egal was passiert, meinetwegen kann es jetzt schneien! Der Wind pfeift uns ins Gesicht, als wir auf die Südseite rübergehen, mit dem Abseilen beginnen. Noch haben wir ein wenig Zeit, wenn wir schnell sind, ich kenne den komplizierten Abstieg, könnten wir wieder runter kommen. Aufgepulvert von unserem Erfolg, beginnen wir mit dem Abstieg, bis sich der Himmel so schwarz zuzieht, daß es schon um sieben Uhr schwarz ist wie die Nacht. Zwei drei Längen, wir wären unten, es reicht nicht! Das Gewitter zieht rein, wir schaffen es gerade noch, die Biwaksäcke überzustreifen, wissen in dem Inferno nicht mal wo wir eigentlich sind. Wir sitzten auf einem Stein, keine Ahnung, wie weit es da denn nun runtergeht. An Schlafen ist nicht zu denken, nach dem neunten Gewitter, höre ich auf zu zählen, sitze nur noch in meinem Biwaksack, von innen inzwischen auch schon naß und hoffe, daß das irgendwann aufhört. Nicht einschlafen, wir könnten überkippen, keine Ahnung, wo das hingeht. Am nächsten Tag stellen wir fest: 1 Meter runter ins Schuttfeld wäre es gegangen, aber wir konnten es einfach in dem Inferno nicht mehr ausmachen! Der Abstieg am nächsten Tag kostet mir meine letzten Kräfte, als ich aufwache, bin ich so durchfroren, daß ich zu Ernst gerne gesagt hätte, Ernst, ich schaffe das nicht mehr, aber der letzte Wille treibt mich an, und als ich unten in der Verschneidung stehe, der schrecklich kalte Wind endlich weg, denke ich sogar, daß ich das womöglich sogar überleben könnte. Ich ziehe, als Ernst unten ist, das schrecklich nasse Seil ab, werde sogar wieder so was ähnliches wie warm, das wird klappen, denke ich mir, entfalte hektische Betriebsamkeit, nur um wieder etwas Wärme in meinen Körper zu bringen. Es gelingt mir, in nur einer halben Stunde sind wir am Einsteig. Wir laufen zurück zur Auronzo Hütte. Ernst erlebt hier sein Trauma vom Vortag erneut. Der Bergführer lauert hinter einer Ecke, springt hervor, fragt, genauso fordernd, wie am Tag zuvor: “Und, seid ihr wieder runter (abgeseilt)”. Ernst: “Nein”. Mit sichtlich entspannter Mine geht Ernst dran vorbei, nicht ohne, locker, aus dem Mundwinkel, noch den Spruch loszulassen: “Bei gutem Wetter kanns ja jeder!”. Keine Ahnung, ob der Typ auf diese Ansage jemals noch ein Wort rausgebracht hat, danach war er jedenfalls erstarrt wie Lots Frau.
Die Heimfahrt war abwechslungsreich im wahrsten Sinne des Wortes, wir wechselten für 6 Stunden Fahrt 8 mal den Fahrer, weil uns der Sekundenschlaf am helligten Tag einholte!
Trotzdem, so locker war ich selten am Montag auf der Arbeit. Wenn man das mal mitgemacht hat, sind die dann kleinen Schwierigkeiten dort wirklich auf das Maß zurückgestutzt, das sie eigentlich auch sind.

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