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November

Frankenjura
 Stübiber Klettergebiet: Großer Stübiger Türm

Kurze Zeit Unendlichkeit (9/9+)

Martin Weberpals in “Kurze Zeit Unendlichkeit” am Großen Stübiger Turm.

Die Linie war mir bereits Jahre zuvor aufgefallen - bei der Sanierung der Stübiger Türme haben Walter Krasser und ich in 2 Jahren Arbeit ca. 70 Haken erneuert - und 1998 hatte ich noch zwei Löcher zu bohren im Vajolettquergang. Weil man da von oben die Linie berührt, ich sowieso gerade eher einen Ruhetag brauchte als zu klettern und das Aggregat hatten wir ja auch nochmal raufgeschleppt - also sozusagen “seilte” ich mich vom Rest der Truppe ab und in die Führe hinein und setzte die Bohrlöcher. Bei genauerem Hinsehen allerdings der erste Dämpfer: Die anfangs extrem kompakte Wand wies einige lockere dünne Platten auf, die ich zunächst mal raushebelte - dann der zweite Dämpfer: Wo das jetzt alles weg war: Einiges davon hätte ich lieber zum festhalten genommen - war die Linie - zumindest für mich - denn jetzt überhaupt noch kletterbar? Man wird sehen. Haken einbetoniert und irgendwann später kann man dann ja mal probieren...

Den Schlitz (den Martin gerade mit rechts greift) mit rechts oder mit links, auch im Frühjahr 1999 versagte sich mir jegliche Lösung. Im Seil hängen, immer und immer wieder irgendwelche Griffabfolgen ausprobieren - ohne auch nur die Change auf wenigstens mal ein paar Meter gekletterter Fels - es war zum Verrücktwerden! Die meisten anderen, mich interessierenten Routen war ich in der Zwischenzeit schon alle geklettert, die, die ich klettern wollte - nämlich meine Route war nicht zu klettern - irgendwie verlor sich daher im Sommer 1999 mein Interesse für die Stübiger Türme! Ich ging woanders hin, war fast schon versucht, das Bändel am Einstieg zu lösen und die Tour freizugeben. Aber auf der anderen Seite bin ich da kein Rotpunktfanatist! Derjenige, der die Tour einbohrt, ist der “geistige Vater” der Linie, insofern auch der Erstbegeher. Dann auch wirklich der erste “Rotpunkter” zu sein, ist für mich von sekundärem Interesse, alle meine Projekte standen meinen Kletterpartnern - wenn ich sie schon probierte und sie mich darin sichern mußten - auch offen.

Dieses kleine Bändchen links, welches Martin hier angeht, hatte ich anfangs auch im Visier. Für mich entpuppte sich Martins Lösung allerdings nach zahlreichen Versuchen als Sackgasse. Der Irrglaube allerdings, es halt nur so hoch wie möglich erst mal zu machen und dann weiter zu sehen brachte mich öfters so an diese Stelle - und dann zurück in den sicheren Schoß des Seiles, der Haken und der Karabiner. Nicht das ich hier jemand diese Lösung vermiesen möchte - nur für mich mit meinen langen Haxen war das halt so einfach nicht kletterbar: Irgendwie störten die Füße, und sobald ich einen von den Dingern bewegte, kam der bedingungslose (Ab-) Sturz.
Irgendwann im Herbst 1999 bin ich dann auf die Lösung rechts gekommen. Leiste (von Martin rechts genommen) mit links, linke Leiste ausgelassen, statt dessen nach rechts rüberschieben und am Schluß mit voll ausgefahrener Spannweite und mit nach außen gedrehter Handfläche in ein schlecht hakendes Loch für rechts. Das war meine Lösung!

Martin im Ausstieg aus der Platte. Wenn man mal diese beiden kleinen Griffe rechts und links erreicht hat, läßt man nicht mehr los - egal, wie kaputt man an dieser Stelle schon ist!

Ende Oktober 1999 waren wir - so hatte zumindest ich das Gefühl - das letzte Mal in diesem Jahr in Stübig. Ja, es kribbelte schon, das Wetter sehr warm, kein Mensch da, der einen beobachtete, wir waren früh von der Arbeit weggekommen - also probierte ich.
Die anderen probierten mit oder kletterten naheliegende Routen, also optimale Verhältnisse eigentlich. Beim Einhängen der Schlingen (der obligatorische Versuch: Nur so mal...) gelang mir fast der Durchstieg! Ich war heiß, wollte die Tour heute noch “knacken”. Beim 4. Versuch, halb acht und hier im Wald fast schon dunkel flog ich wieder aus der Tour, schimpfte, ärgerte mich und wollte gerade abbauen als Andi von unten meinte: Komm, soviel Zeit haben wir doch noch, laß doch die Schlingen drin, ein Versuch heute geht noch....

Beim Probieren - oder drücken wir es doch so aus wie es sich darstellte: Beim Rumdillern (denn mit klettern hatte das anfänglich wenig zu tun) tat sich zumindest im Jahr 1998 wenig. Genau bis zu der im Bild dargestellten Stelle kam ich frei - dann kam der erste ins Seil Setzer. Es handelte sich hier allerdings gerade mal um den 3. Haken, nicht mal ein Drittel der Tour ist bisher geklettert. Im Spätherbst 1998 schaffte ich immerhin den 5. Haken - allerdings nur einhängen, die Stelle dann klettern - keine Spur!

Martin hier im unteren Teil. Der hier ansetztende etwas gemeine Aufrichter erfolgt meist etwas wackelig - und die dann folgenden guten Griffe sind zwar schon zu sehen - aber hinkommen muß man halt! Die erste unangenehme Stelle noch weit vor der eigentlichen Crux der Route.

Genau die Stelle hat mich, wie im Bild auch Martin immer irgendwie gehärmt: Man will diesen Dreckshaken noch vom letzten guten Griff rechts einhängen - aber - es reicht eben nur: fast! Oder wenn man eben richtig dransteht, gut mit den Füßen dransteht, unten noch nicht zu viel Kraft gelassen hat usw. usw.....
Im Herbst 1999 begann ich mich nochmals, mit dem usw zu beschäftigen....

Ein Bild, das die ungeheure Steilheit nochmals verdeutlicht! Eigentlich ist es hier allerdings “nur” senkrecht! Aber mehr dürfte es hier auch nicht sein!
Die Wand dreht irgendwie raus, von oben gut zu sehen: Die mit Magnesium markierten Griffe, halt leider so weit, weit oben....

Noch einmal von dem Band aufstehen und die Füße an die Wand pressen - sicherlich noch ein wenig unangenehm, aber wenn man unten mal drüber ist kein eigentliches Problem mehr!

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Kurzer Bildschnitt, bin ganz schön schnell hinten rumgelaufen, habe mich abgeseilt usw. - nein, nein - keine Angst, so lange habe ich Martin dann auch nicht warten lassen, die Bilder stammen von einem zweiten Versuch....

Das Seil noch rausziehen und den nächsten Haken klinken - das war meine Endstation 1998! Für die nun ansetzende Platte wollte mir sich dagegen keine so rechte Lösung aufdrängen.

Na und ist der Dreckshaken erst mal eingehängt, beginnt ja die Crux eigentlich erst. Irgendwie konnte ich mir vorher niemals vorstellen, mich an diesen paar Metern so aufzuarbeiten - v.a. ohne erkennbaren Erfolg!

 Aber:

Man kann!

Martin fast am Ende der Schlüsselstelle, der heikle Aufrichter, um zu den nicht unbedingt sehr guten Griffen weiter oben zu kommen verlangt noch mal - wie im Bild deutlich zu sehen - einen Satz aufgestellter Finger.

Im Oktober 1999 waren wir noch dreimal an den Stübiger Türmen. Die anderen hatten auch Lust, die Tour zu probieren, also probierte ich eher zwanghaft als mit Euphorie die Tour auch. So wurde mir die Rechtsvariante klarer, beim zweiten Mal in Stübig und dem 5. Versuch konnte ich doch glatt (nach dem obligatorischen Ausruher im Seil am 5. Haken) die Passage vollständig klettern.

Endlich: Der Ausstiegshenkel!
So henkelig dann eigentlich auch wieder nicht, aber durch die Kante gut genug, um locker den letzten Haken zu klippen.

Als ich dann, schon im Halbdunkel nach meinem 5. und letzten Versuch unten stand konnte ich es kaum fassen: Ich hatte die Route doch noch geklettert, sicherlich für lange Zeit die allerletzte Möglichkeit, der Winter hätte wieder das Ende aller Versuche bedeutet und tatsächlich regnete es auch dann die nächsten Tage wie aus Kübeln - kein weiterer Versuch wäre mehr möglich gewesen.

Doch: Ich hatte ein Problem: Da mir die Erfüllung dieses Traums (die Route zu durchsteigen) eigentlich nicht möglich schien, hatte ich mir nicht mal einen Routennamen überlegt. Dies fiel mir besonders schmerzlich auf, als mich Andi unten beglückwünschte und fragte: Na, wie heißt sie denn jetzt? Kurz darauf, als wir im Dunkeln durch den Wald nach unten gingen, fiel mir ein Name ein: “Kurze Zeit Unendlichkeit”. Für einen kurzen Moment sich fast unendlich fühlen, alles, was man sich in den Kopf gesetzt hat zu können, wenn man nur lange und zäh genug daran arbeitet. Und für einen kurzen Moment unendlich frei und glücklich zu sein...